Tausendjährige Tradition
Die kulinarische Geschichte des Meerschweinchens, welches in Peru als cuy bezeichnet wird, ist von Wissenschaftlern nicht vollständig geklärt, aber Ausgrabungen in Südperu ergaben, dass die putzigen Kleintiere schon vor rund 7.000 Jahren zum ersten Mal gegessen wurden. Auch im Norden des Landes, in Chavín de Huántar, wurden Meerschweinchenskelette von vor 900 vor Christus gefunden, was auf eine hohe Ausbreitung und Beliebtheit des Nagetieres schließen lässt. Nach der Ankunft der Spanier in Südamerika nahmen diese im 16. Jahrhundert cuys als exotische Geschenke auf dem Wasserwege mit nach Europa (selbst Königin Elisabeth I. soll sich angeblich einen Kleinnager gehalten haben), was dem Meerschweinchen, das auf Grund seiner quiekenden Laute an das gemeine Hausschwein erinnert, zu seinem Namen verhalf.
Einfache Haltung
Doch warum isst man in Lateinamerika eigentlich die kleinen verschmusten Vierbeiner? Die Lösung des Rätsels liegt in der unkomplizierten Haltung der Tiere und deren schmackhaftem, proteinreichem, aber cholesterinarmen Fleisch. Cuys sind leicht zu züchten, passen sich perfekt ihrer natürlichen Umgebung an - in Peru kommen sie sowohl in kargen Wüsten als auch in den Anden von bis zu 4.200 Meter Höhe vor - und können im Rudel von 20 Stück oder mehr auf geringem Raum in Ställen, auf Dachböden und selbst in der Küche gehalten werden. Bei vielen Bauernhaushalten in den Anden gehört die Meerschweinchenzucht zum normalen Alltag und es scheint somit nicht verwunderlich, dass die fiepigen Familiengefährten bei ihren Besitzern einen ähnlichen Stellenwert wie Hühner einnehmen: die Nager bekommen weder einen Namen, noch werden sie gestreichelt. Zudem ernähren sie sich von Küchenabfällen, vermehren sich rasant und steigen durch ihr äußerst nahrhaft-gehaltvolles Fleisch zum idealen Masttier auf. Auch die kommerzielle Industrie hat diesen Vorteil der drolligen Schweinchen entdeckt und züchtet in speziellen Meerschweinchenfarmen Riesenexemplare, die manchmal doppelt so groß und schwer wie ein normales Tier werden.
Vielfältige Zubereitungssarten von gegrillt über gekocht bis frittiert.
Die Bilanz der groß angelegten cuy-Zucht lässt sich sehen: jährlich werden in Peru insgesamt circa 65 Millionen Meerschweinchen verspeist - oftmals zu besonderen Feierlichkeiten. In den meisten Regionen des Landes, überwiegend allerdings in den südlichen Anden, steht die Delikatesse "geröstetes Meerschweinchen" auf den Speisekarten guter Restaurants. Die Zubereitung des cuys unterscheidet sich jedoch je nach Provinz: in Huancayo bekommt man sein Exemplar in einer aromatischen Soße aus peruanischem Chili und Achiote serviert (Cuy Colerado). In Arequipa hingegen wird das Meerschwein in heißes Öl eingelegt, mit Cayenne-Pfeffer gewürzt und mit einem Stein beim Braten beschwert (Cuy Chaktao) und in Cusco gehört das Cuy Frito - das cuy wird ähnlich wie beim Spanferkel goldbraun gegrillt und manchmal mit einer Paprikaschote im Maul serviert - zum festen Bestandteil der traditionellen Küche. Je nach Restaurant kann man sich ein Viertel, Halbes oder ganzes Meerschweinchen bestellen, welches mit einer Beilage (oftmals Kartoffeln) und einer pikanten Soße zu Tisch gereicht wird. Übrigens: vom Geschmack her ist cuy eine Mischung aus Hühnchen-und Kaninchenfleisch.
Einsatz in der traditionellen Medizin
Doch wer nun denkt, dass die die drolligen Nager nur als Haustiere und Fleischlieferanten dienen, liegt falsch! Denn im peruanischen Alltag hat sich das Meerschweinchen als praktisches Mehrzweck-Nutztier entpuppt und findet auch im Bereich der alternativen Medizin Aufmerksamkeit. Naturheiler und Schamanen benutzen cuys nämlich für Krankheitsdiagnosen: die quirligen Kleinnager werden über den Körper des Patienten bewegt und an der Stelle, wo es lautstark quiekt, seien die Leiden des Kranken zu ergründen. Anschließend tötet der Schamane das Tier und öffnet es, um in den Gedärmen eine Diagnose zu erstellen. Für solch gruselige Zeremonien werden überwiegend schwarzfarbige Schweinchen benutzt, weil diese besonders selten vorkommen. Offiziell sind Hexerrituale mit lebendigen Tieren in Peru verboten, werden aber nach wie vor von einigen Wunderheilern in den verschiedenen Provinzen des Landes praktiziert - übrigens ganz nach dem Vorbild der Inka, für welche gegrillte cuys die traditionelle Leib- und Magenspeise war und die Meerschweinchen zudem auch multifunktional als Spielkamarad für Kinder und als Opfertier für mystische Rituale eingesetzt haben.
Kaum ein anderes Tier findet in Peru so viele Anwendungsmöglichkeiten wie das niedliche cuy. Vermutlich wurden sie schon von den uralten prä-Inkakulturen Mochica und Viscús verehrt, denn bei Ausgrabungen an der nordpazifischen Küste des Landes wurden Keramiken mit Darstellungen von Meerschweinchen gefunden. Noch heute werden cuys vereinzelt in der Provinz als Tauschmittel anerkannt und bei Hochzeiten ist es für viele Peruaner üblich, Meerschweinchenpaare als Zeichen für ewige Fruchtbarkeit als Grundstock für eine langjährige, erfolgreiche Ehe zu verschenken. Wer nun vom großen Einsatzbereich des in Deutschland so beliebten Meerschweinchens schockiert ist, dem sei gesagt, dass nicht alle Peruaner beim Anblick eines cuys gleich ans Essen, Zaubern oder Verschenken denken: das sympathische Kleintier bleibt auch in Peru ein liebenswertes und treues Haustier.
Quelle: www.peruline.de

