Ein Besuch bei den Cocama von San Martin de Tipishca im Pacaya Samiria Nationalpark

Erlebnisbericht vom Quellgebiet des Amazonas

San Martín de Tipishka
Die Cocama aus San Martín de Tipishka sind weit entfernt von jener "Baströckchen"-Romantik, die man üblicherweise mit den Völkern entlegener Amazonasregionen in Verbindung bringen mag. Auch hier tragen die Menschen Jeans und T-Shirt, verfügen über Strom (aus Generatoren) und sind insgesamt mit den Errungenschaften der Zivilisation vertraut. Oberflächlich gesehen gibt es wenig Unterschied zwischen dem aufgeklärten Einwohner der peruanischen Hauptstädte und den Cocama. Wäre da nicht diese besondere Naturverbundenheit, der starke Glaube an die Mythen der Region und der ausgeprägte Sinn für die Gemeinschaft.

Reisevorbereitungen

Miguel trifft uns am Vorabend gemeinsam mit seinem Sohn in Iquitos. Wir besprechen die Anreise, die Gepäckfrage und die Kosten unserer Expedition. Der Urwalddampfer, der uns flußaufwärts nach San Martin de Tipishka bringen wird, fährt gegen nachmittags los. Mit etwas Glück kommen wir am Folgetag gegen Mittag an. Wir haben einen Hängematten-Platz an Deck gebucht und Miguel wird uns auf der Reise begleiten.

Miguel hat ASIENDES ins Leben gerufen. Die indigene Organisation "Asociación Indígena En Defensa De Ecología Samiria" hat Ihren Sitz in San Martin de Tipishka und verfolgt das Ziel, alte Traditionen zu erhalten. Insbesondere durch den schonenden Umgang mit der Natur wird der Gemeinschaft das Überleben gesichert.

Auf Konsum von Affenhirn wird verzichtet - der Umwelt zuliebe

"Es gibt hier wenige Alternativen. Entweder man geht in die Großstadt und verlässt die Heimat, oder man versucht sein Glück auf den Öl- und Gasplattformen im Amazonas. Unser Ausweg ist die Rückbesinnung auf unsere Naturschätze und wie wir diese schützen können. Deshalb nehmen wir auch an einem Artenschutzprogramm der Regierung teil und retten die bedrohten Schildkröten." Verschmitzt fügt er hinzu "auf den Konsum von Affenhirn verzichten wir auch - damit sich die Bestände wieder erholen können."

An unserem ersten Vormittag im Dorf, erkunden wir mit dem Boot die Nachbarschaft. Dieses Jahr dauert die Regenzeit länger als erwartet und alles ist noch überschwemmt.

Wir besuchen Antonio von nebenan. Er und seine Frau machen sich an etwas zu schaffen, was einmal ein Kaiman war. Er habe ihn in der Nacht eigenhändig erlegt. Den Kopf erhält Carlos, der im Dorf ansässige Schamane, der diesen auf kleinem Feuer räuchert. Als Feuerholz dienen die Holzspähne von José. Er schnitzt gerade aus einem Baumstamm sein neues Boot. "Das ist ein Zedernbaum", erklärt José. "Das Fällen der großen Zedernbäume für den Eigenbedarf ist in Ordnung...aber wir haben viele Probleme mit illegaler Abolzung. Leider reicht die staatliche Aufsicht im umzugänglichen Amazonasgebiet nicht aus. Die Ranger können nicht überall sein - und daher werden noch immer viel zu viele Bäume illegal geschlagen."

Die verborgene Stadt der Delfine

Die Vielfalt von Flora und Fauna sind unermesslich in diesem touristisch unerschlossenen Naturschutzgebiet. Eine dichte Wand von kirchturmhohen Baumriesenprägen das Landschaftsbild. Das ständige Schnauben der Süßwasserdelphine, die omnipräsent sind, dominieren den Geräuschteppich aus Vögelgesängen und Affengeschrei. Voller Begeisterung erspähen wir auf unserer Bootssafari die sehr seltenen rosafarbenen Süßwasserdelphine, die in nächster Nähe auftauchen und dem Boot folgen. José Antonio lächelt und zeigt auf eine Stelle im Wasser: "Hier unten ist es sehr tief. Hier wohnen die Delphine. An besonderen Tagen bei Sonnenuntergang kann man die Glocken des Kirchturmes der unterirdischen Stadt hören. Dann heißt es aufpassen, denn an diesen Tagen kommen die Delfine in Menschengestalt an Land und rauben unsere Frauen!" Carlos, der Schamane, zeigt uns wenig später, wie man im Urwald immer frisches Wasser zur Verfügung hat: man schneide eine Liane auf und trinke den gespeicherten Wasservorrat aus der Pflanze. Carlos kennt sich im Wald sehr gut aus, schließlich ist der Wald seine Apotheke. Die Liane, die wir gerade geschnitten haben ist besonders empfehlenswert als Mittel gegen Krebs, denn sie stärkt das Immunsystem.

Im Wald leben viele Geister, nicht alle von ihnen sind freundlich.

"Leider", sagt Carlos "gibt es nur noch wenige bei uns, die sich bei den Heilpflanzen auskennen und wissen wie die Baumgeister gerufen werden. Alle meine Schüler haben nach weniger als 3 Monaten Reissaus genommen, denn sie kamen mit der strengen Diät und den wochenlangen Aufenthalten im Wald nicht klar". Die anderen nicken bewundernd und Carlos berichtet, dass er zuweilen drei Monate ganz allein im tiefsten Urwald verbringt, Medikamente sammelt und mit den Baumgeistern spricht. In diesem Moment taucht eine Herde von Affen aus dem dichten Wald auf und betrachtet uns neugierig. José Antonio schaut mich ernst an, als ich voller Bewunderung für diese süßen Tierchen bin."Diese Affen sind eine ernste Bedrohung für den Menschen! Es wohnen böse Geister in Ihnen. Ich habe es selbst schon erlebt. Insbesondere Nachts tauchen sie in Horden auf, überwältigen Dich im Schlaf und greifen Dich an. Ohne Gewehr bist Du verloren!" Carlos erklärt uns dann, dass dies die eigentliche Bedrohung im Wald sei, die Geister, die dich täuschen, in die Falle locken und vom Weg abbringen.

Das Geld der wenigen Gäste fließt in die Gemeinschaftskasse.

Die Abende enden alle ähnlich. In unserer einfachen Hütte ist kein Licht mehr und auch mit Kerzen wird gespart. Der Generator ist leider kaputt und so flüchten wir uns in das Haupthaus von Miguel, dem Chef von Asiendes - unser Gastgeber. Im Haus, das auch als Essensstube dient, brennt eine batteriebetriebene Glühbirne. Hier versammelt sich allabendlich das ASIENDES-Team, und auch heute sitzen wir zusammen und diskutieren über den langsam beginnenden Tourismus in der Region. "Der Toursimus ist kaum existent. Die großen Lodges in der Nähe von Iquitos machen das Geschäft. Schlimm nur, dass sie den Touristen mit vermeintlichen Ausflügen in das Naturschutzgebiet Pacaya Samiria locken, de facto aber keiner der Touristen dieses zu sehen bekommt. Die hier ansässigen Siedlungen sehen die Touristen nicht einmal von weitem. Fairerweise muss man auch sagen, dass nicht jeder hier dem Tourismus offen gegenüber steht. Erst als wir mit dem finanziellen Mitteln aus den Übernachtungen und der Spende des Biologen einen neuen Außenbordmotor und Schulmaterialien kaufen konnten, waren die Kritiker besänftigt. Da half natürlich auch, dass der neue Außenbootmotor einem unsere Kinder das Leben gerettet hat. Es konnte rechtzeitig zur nächsten Krankenstation gebracht werden." Miguel rechnet vor, wie die Einnahmen aus dem Tourismus verteilt werden. Ein Teil entfällt auf die ASIENDES-Mitglieder, die direkt am Touristen arbeiten. Also Führer, Köche, Bootsfahrer. Ein Teil entfällt auf die Dorfgemeinschaft und die Gemeinschaftskasse - und ein Teil erhält Miguels Familie, die sich um die Unterbringung, das Marketing und die Akquise der Touristen in Iquitos kümmert. Ob es Neider gäbe? Alle am Tisch schütteln voller Überzeugung den Kopf. "Nein, hier zählt die Gemeinschaft. Jeder profitiert und jeder ist eingeladen aktiv mitzuwirken."

Adiós San Martín!

An unserem letzten Tag begleitet uns Miguel zurück nach Iquitos. Er hat sich sichtlich herausgeputzt, denn er nimmt in der Hauptstadt der Region an einer Versammlung der Indianerkommunen teil. Es geht um eine neue Gesetzesvorlage der Regierung, die die indianische Amazonastieflandbevölkerung nach Auffassung der Betroffenen benachteiligt.

Als unser Boot in den Sonnenuntergang fährt, sagen wir den Baumgeistern auf Wiedersehen und wünschen Miguel viel Glück.